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Von Dr. Klaus Wieser.

In einer Hinsicht haben die Wahhabiten/Salafisten Recht, wenn sie das hohe kulturelle und humanistische Niveau in der arabischen Welt im Mittelalter als unislamisch ansehen. Denn: Dieses dürfte sozusagen eine Kriegsbeute aus der Eroberung des größten Teil des hoch entwickelten oströmisch/byzantinischen Gebietes gewesen sein. Die Bewohner dieses Gebietes wurden dann schrittweise unter der neuen arabisch/islamischen Herrschaft arabisiert und zum Islam „bekehrt“. Mit dem Erlöschen jenes Erbes der antiken christlichen Kultur endete auch diese kulturelle Blüte. Dieses wurde von dem herrschenden Islam offensichtlich toleriert und mitgestaltet. Das war aber sicher nicht der rückwärtsgewandte und inhumane wahhabitische Islam, der jetzt begonnen hat, die islamische Welt zu dominieren. Nachzutragen wäre, dass auch andere Faktoren zum Ende der kulturellen Blüte arabisch /islamischen Raum beigetragen haben.

Etwa 300 Jahre später wiederholte sich dieses: Der Rest dieses ursprünglich großen oströmischen/byzantinischen Reiches in Kleinasien wurde schrittweise von den Oghusen/Türken erobert. Die Heimat dieses Turkvolkes war ursprünglich Westchina. Von dort aus drangen sie nach Westen vor, wurden mehrheitlich muslimisch und eroberten ab dem 11. Jahrhundert ( Schlacht von Mantzikert 1071) schrittweise ganz Kleinasien und 1453 die byzantinische Hauptstadt Konstantinopel, die sie danach in „Istanbul“ umtauften. Schon 1354 hatten sie mit der Eroberung von Gallipoli ihren ersten europäischen Besitz. Der größte Teil des Balkans folgte und 1529 standen die Türken das erste Mal und 1683 das zweite Mal vor Wien.
Nach ihrer Niederlage wurden sie schrittweise von den Deutschen/Österreichern zurückgedrängt. Dazu kamen noch die Aufstände in den restlichen europäischen Gebieten des
Osmanischen Reiches und gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es dann die die politische Wende in der türkischen Außenpolitik: Das neuentstandene Deutsche Reich wurde zum Verbündeten und zusammen mit Österreich trat das osmanische Reich in den Ersten Weltkrieg ein. Nach dem Fall des osmanischen Sultanats und Kalifats setzte der Machthaber Atatürk rigoros eine Europäisierung der Türkei durch, so dass nach dem Zweiten Weltkrieg ernsthaft eine Einbeziehung der Türkei in die EU geplant wurde.
Der Rückfall in den politischen Islamismus und der entsprechende Umbau des türkischen Staates hat das meiste des Erbes von Atatürk und damit auch die europäische Option rückgängig gemacht. Außerdem beteiligt sich die Türkei an dem Syrien – Abenteuer, um die kurdischen Unabhängigkeitsbestrebungen in Schach zu haltenMit diesem Abenteuer entfernt sie sich jedoch zusätzlich immer mehr von der NATO und den europäischen Verbündeten.

Das Osmanische Reich war ebenfalls kein Hort einer mittelalterlichen wahhabitisch/salafistischen Interpretation des Islams sondern relativ weltoffener. Wie bei dem genannten Großarabien lag das an seiner noch lange hoch entwickelten christlichen Bevölkerung, die dann schrittweise zum Islam „bekehrt“ wurde. Dazu kamen noch die Juden, die bekanntlich in 16.Jahrhundert aus ihrer spanischen Heimat vertrieben wurden.
Es heißt angeblich, dass Erdogan von einem Wiederentstehen des Osmanischen Reiches träumt – höchstwahrscheinlich wegen seiner Machtentfaltung. Dass es auch eine kulturelle Blütezeit für das osmanische Reich/ Türkei war, wird wahrscheinlich für ihn nicht so bedeutsam sein. .Auch wenn es makaber scheint: Sogar die militärische Macht verdankte das Osmanische Reich seiner christlichen Bevölkerung. Die Elitetruppe der Sultane, die Janitscharen, wurden im Regelfall aus der christlichen Balkanbevölkerung unter osmanischer Herrschaft rekrutiert. Aus den christlichen Familien wurde ein Junge geraubt, der dann zum Islam „bekehrt“, militärisch ausgebildet wurde und in die Janitscharentruppe eingegliedert wurde.

Das Osmanische Reich brauchte in den Zeit höchster Machtentfaltung keine Verbündeten und war aus eigener Kraft militärtechnisch auf dem letzten Stand. Es brauchte auch keine Rücksicht auf die benachbarten christlichen Reiche zu nehmen. Ganz im Gegenteil konnte es von den „eigenen“ Christen und seinen schwächeren christlichen Nachbarstaaten Steuern bzw. Tribute einfordern. In der Expansionsphase konnten die militärischen Erfolge direkt in die Finanzierung weiterer territorialen Eroberungen umgesetzt werden.
Insgesamt liegen die Analogien zur Gegenwart auf der Hand. Es ist zu erwarten, dass der neo – osmanische Herrscher in Ankara seine starke Stellung als Bollwerk gegen ein ungezügelten Migrantenzuzug nach Europa ausnutzen wird, um von seinen Nachbarn, derüberwiegend christlichen EU, weitere Tribute und ein Wohlverhalten wie weiland der Sultan einzufordern.

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