Von Dr. Klaus Wieser.

Wetterleuchten am Horizont.

Bereits im August 2016 wurde unter dem Titel „Fremdgebliebene mit deutschem Pass“ auf die Problematik hingewiesen, dass ein großer Teil der unter uns lebenden Türken trotz aller Integrationsbemühungen mental weiter mit ihrem Heimatland oder das ihrer Eltern und Großeltern verhaftet sind. Schlimmer noch: Ein Teil von ihnen lehnt alles ab, was von ihnen als „deutsch“ identifiziert wird – natürlich mit Ausnahme der Leistungen des deutschen Sozialstaates und den deutschen Zweitpass. Der deutsche Pass wird als ein nützliches Vehikel betrachtet, mit dem man überall hinreisen kann. Sonst aber hat man sich in Deutschland wie im eigenen Herkunftsland eingerichtet – nur auf einem in der Regel höheren Konsumniveau. Diese Deutschtürken sind Fremdgebliebene in Deutschland mit deutschem Pass.

In der Vergangenheit wurde trotz aller Integrationsrethorik dieser Tatbestand tabuisiert oder verniedlicht. Dabei sollte beispielsweise die „bunte Republik“ gefördert werden. Oder es sollte davon abgelenkt werden, dass die Sicht der damaligen Entscheidungsträger hinsichtlich der Integrationswilligkeit von kulturfremden Zuwanderern falsch war und noch immer ist.. Im gewissen Umfang erschien dieser Mangel hinnehmbar, weil bisher die Türkei ein weitgehend säkularer Staat war, mit einer – wenn auch defekten – Demokratie. Lange Zeit schien es in der täglichen Politik auch so, als wenn die Türkei an einem guten Einvernehmen mit der Europäischen Union und besonders mit Deutschland interessiert sei. Die Türkei wollte damals Mitglied der EU werden und war auf dem Wege zu einer weitgehenden „Europäisierung“. Das hat sich in den letzten Jahren schrittweise geändert. Verantwortlich dafür ist die islamistische Staatspartei AKP mit dem Staatspräsidenten Erdogan, die den Islam als türkische Staatsreligion in Form des archaisch geprägten Wahhabismus bzw. Salafismus wieder einführt. Dieser fordert ein Leben nach dem Vorbild des Propheten als allein seligmachend. Es findet eine Rückkehr der islamischen Welt zu ihrer Religion in ihrer archaischen Form wie vor 1.400 Jahren statt, als sie hauptsächlich zur Legitimierung von Eroberungen benutzt wurde.. Dieser Prozess hat dazu geführt, dass das Wertesystem der Muslime mehr noch als bisher von dem der anderen Erdenbürger abweicht. Humanere oder reformierte Erscheinungsformen werden von den maßgeblichen Wahhabiten bzw.Salafisten als „unislamisch“ diffamiert. Andererseits wird der archaische Islam außerhalb der islamischen Welt als barbarisch angesehen. Beispiel: Saudi-Arabien oder der radikalisierte„Islamische Staat“.

Die Türkei unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von den arabischen Staaten, auch wenn sie gemeinsam mehrheitlich vom sunnitischen Islam geprägt sind. Die Türken (Oghusen) nicht „bodenständig“ wie die Araber. Sie sind vielmehr aus Ostasien in das Gebiet der heutigen Türkei nach der Schlacht von Manzikert 1071 eingewandert. 1453 haben sie Konstantinopel – die Hauptstadt des Byzantinischen Reiches – erobert und in Istanbul umbenannt. Schon 1354 fassten sie mit der Eroberung von Gallipoli Fuß in Europa und drangen weiter nach Norden vor. Im Jahre 1529 standen sie das erste Mal vor Wien. Sie wurden damals zurückgeschlagen. Das zweite Mal versuchten sie es im Jahr 1683. Eine Allianz aus österreichischen Streitkräften, Truppen aus dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und polnischen Reitern unter Befehl des polnischen Königs besiegte sie jedoch.

Schrittweise wurden dann die osmanischen Türken zunächst von Deutschen/Österreichern und dann nach Aufständen der geknechteten Balkanvölker und Griechenlands ( unter Mithilfe Russlands und andrer europäischer Nationen) vom Balkan verdrängt. .Im Ersten Weltkrieg war die Türkei bzw. das Osmanische Reich Verbündeter des Deutschen Reiches sowie Österreich – Ungarns und wurde nach dem Friedensschluss auf das jetzige Gebiet in Kleinasien und wenigen Quadratkilometern in Europa beschränkt. Atatürk formte aus dem Osmanischen Reich die Türkische Republik. Nach seinem Tod ging die Europäisierung zunächst weiter, so dass Ende des 20. Jahrhunderts in Erwägung gezogen werden konnte, die Türkei in das europäische Einigungswerk mit einzubeziehen(s.o.). Entsprechende Versprechungen wurden damals gemacht.

Die Rückbesinnung auf den archaischen Islam in der Türkei hat dazu mit beigetragen, dass Recep Tayyip Erdoğan mit seiner AKP („Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung“) – einer islamistischen Partei mit zweifelhafter demokratischen Gesinnung – die absolute Mehrheit im türkischen Parlament erlangt hat.Er schickt sich an, die ganze Macht zu erobern. Er strebt eine Etablierung einer autoritären Herrschaft an und will die lästigen Reste der Demokratie in der Türkei beseitigen. Dazu soll ihm nach einer Verfassungsreform das Etikett einer präsidentiellen Republik als Deckmantel dienen. Dabei werden alle Bande zu Europa gekappt.

Die Ereignisse im türkischen Mutterland haben entsprechende Auswirkungen auf die Auslandstürken. In Deutschland sind es 1,4 Millionen, die in der Türkei noch wahlberechtigt sind. Viel mehr, als man glaubte , sind die hier lebenden Türken mental weiter mit ihrem Heimatland verhaftet, nicht zuletzt aufgrund der Tätigkeit der DITIB, der Auslandsorganisation der türkischen Religionsbehörde. Deshalb ist die Integration der inzwischen einheimischen Türken, die schon in dritter Generation unter uns lebt, zu einem großen Teil misslungen. Die Rückerinnerung an die ( nicht nur) aus türkischer Sicht großartigen Vergangenheit der osmanischen Türken bestärkt das Gefühl ihrer Einzigartigkeit und ihre Überzeugung, einen zu niedrigen Rang im Konzert der europäischen Völker bekommen zu haben. So macht sich eine skeptische und punktuell feindselige Stimmung unter vielen Auslandstürken gegen Deutschland breit. Sie fühlen sich als Opfer einer Ablehnung durch die Europäer und besonders durch die Deutschen . Angesichts der Zuwanderung von zusätzlichen mehr als einer Million Moslems, meistens jung und männlich, ist die Gefahr von Konflikten und Unruhen groß, so dass Unsicherheit um sich greift. Unsere Verantwortlichen haben sich zu wenig gefragt, wie diese Entwicklung zu verhindern ist.
Das Verhalten der politischen Führungsschicht der Türkei in der Gegenwart erinnert teilweise an die Zeit der osmanischen Sultane, die versuchten, ganz Europa zu beherrschen. Die Eroberung und Plünderung der christlichen Gebiete in Kleinasien und im europäischen Südosten sowie die danach den Christen auferlegte Kopfsteuer finanzierte zu einem großen Teil die osmanischen Expansion. Der sogenannte „Knabenzins“ und die Einfuhr von jährlich 20.000 afrikanischen und russischen Sklaven sicherten die Schlagkraft der osmanischen Heere. Die dadurch glaubhaft gemachte Bedrohung der christlichen Nachbarstaaten erbrachte zusätzlich laufende Tribute, die dann den türkisch/osmanischen Staat finanzieren halfen. Als nach der missglückten Eroberung von Wien und der schrittweisen Zurückdrängung der Osmanen diese Einnahmen fortfielen, nahm die Verschuldung der Türkei bei den europäischen Mächten immer mehr zu und führte zur Einschränkung ihrer Handlungsfähigkeit.

Nicht geändert hat sich der forsche Umgang der osmanischen wie neo – osmanischen Machthaber mit ihren Nachbarn und die Forderung nach Tributzahlungen (beispielsweise) aus EU – Kassen. Deshalb ist es für Deutschland besonders unklug, den türkischen Machthabern das zusätzliche Erpressungspotential in der Form von Millionen Türken mit einem Doppelpass zu belassen. Angesichts der Integrationsunwilligkeit großer Teile der und des immer ausgeprägteren Nationalismus der Auslandstürken ist es zur Sicherung der Zukunft unserer Nation notwendig, diese fünfte Kolonne zu entwaffnen. Sie werden sonst mit dieser Waffe der Bürger in den Demokratien des Westens in der Hand, dem Stimmzettel, über das Schicksal besonders der Deutschen entscheiden, denn in keinem anderen europäischen Land gibt es soviel Auslandstürken wie in Deutschland. Viele Menschen fragen sich, ob es seinerzeit nicht eine große Dummheit war, den ursprünglich nur auf kurze Zeit in der deutschen Wirtschaft beschäftigten türkischen Arbeitnehmern ihre Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen immer wieder zu verlängern bis sich dieses „Recht“zunehmend verfestigt hatte. Und war es nicht ebenso falsch, den anfangs illegalen Nachzug ihrer Familien stillschweigend zu dulden? Bekanntlich wurden die Versuche, die türkischen Einwandererung einzugrenzen („Rückkehrprämien“), zum Ende der Regierung Kohl eingestellt. Mit der Einführung des Doppelpasses wurde diese gefährlich kurzsichtige und unqualifizierte Politik noch übertroffen. Angesichts der gegenwärtigen Vorkommnisse in der Türkei und der Werbung der gegenwärtigen Machthaber, ihnen durch eine Abstimmung auch noch ein legales Mäntelchen zum Verdecken ihrer autoritären Herrschaft zu genehmigen, kann man den Europäern (besonders uns Deutschen) nur raten, auf der Hut zu sein. Insofern ist das, was wir zur Zeit erleben müssen, fast mehr als nur ein Wetterleuchten am Horizont.
Optimistisch stimmt angesichts dieser Lage lediglich der Tatbestand, dass es auch viele Einwanderer und ihre Nachkommen aus der Türkei in Deutschland gibt, die sich voll integriert haben und die einen wertvollen Beitrag zu unserem Gemeinwesen leisten. Vor allem aus der Türkei stammenden Minderheiten waren bereiter, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Das sind nationale Minderheiten, wie die Tscherkessen oder Kurden, religiöse Minderheiten wie beispielsweise die Aleviten und Reste der ursprünglich christlichen Bevölkerung, soweit sie nicht nach Griechenland ausgewandert ist. Aber auch von den Türken im engeren Sinne gibt es viele Beispiele, die trotz allem ein wenig für die gemeinsame Zukunft hoffen lassen.

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